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Allgemeines:


SVV = Selbst Verletzendes Verhalten
andere Begriffe: cutten, ritzen, schneiden, Autoaggression, Selbstaggression, Selbstverstümmelung.
Englisch: self-injury, self-inflicted violence, self-harm.


Mit selbstverletzendem Verhalten (SVV) oder autoaggressivem Verhalten beschreibt man eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich betroffene Menschen absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen. Häufig finden sich die Wunden von Schnitten o.ä. an Armen oder Beinen, aber auch andere Körperteile werden verletzt.


Bei selbstverletzendem Verhalten besteht in der Regel keine direkte Suizidabsicht, wenngleich betroffene Menschen häufig entsprechende Gedanken haben. Selbstverletzendes Verhalten ist oftmals, aber nicht immer, ein Symptom einer psychischen Erkrankung (v.a. Borderline-Persönlichkeitsstörung).


Wenn Menschen sich selbst körperlich verletzen, um mit einem seelischen Leid besser umgehen zu können, spricht man von dieser Krankheit. Dabei handelt es sich keinesfalls um den Wunsch nach Selbstbestrafung, Masochismus oder Zerstörungstrieb als auslösenden Beweggrund. Vielmehr hat die Selbstbeschädigung für den Betroffenen überlebenswichtige Funktionen: Das Schneiden wird als Antidepressivum eingesetzt. Wenn einem Menschen der Körper in einer seelischen Notlage abhanden kommt, er also quasi außer sich gerät, bringt ihm die Selbstverletzung das Gefühl des Lebendigseins zurück.



Arten:


Es gibt verschiedene Arten der Selbstverletzung; häufig werden mehrere von einer Person angewandt. Zu den häufigsten zählen:


das Aufschneiden, Aufkratzen oder Aufritzen (sog. Ritzen) der Haut an den Armen und Beinen mit spitzen Gegenständen wie Rasierklingen, Messern, Scheren oder Scherben; eine Häufung der Narben ist am nicht-dominanten (Unter-)Arm zu finden, aber auch beide Arme können von Narben übersät sein, wie auch z. B. Bauch, Beine, Brust, Genitalien oder das Gesicht.


wiederholtes "Kopfschlagen" (entweder mit den eigenen Händen gegen den Kopf, ins Gesicht oder mit dem Kopf an Gegenstände)


das Ausreißen von Kopfhaaren, Augenbrauen, Wimpern usw. (Trichotillomanie)


In-die-Augen-Bohren


exzessiver Sport


Schlafentzug


Mit Nadeln (Sicherheitsnadeln etc.) stechen


Das Beißen in erreichbare Körperpartien, auch Abbeißen von Fingerkuppen und "Zerkauen" der Innenseite von Wangen oder Lippen


Verbrühungen mittels heißem Wasser/Verbrennungen mit Zigaretten (Zigarettenausdrücken auf Armen und Beinen, Verbrennen mit Bügeleisen, Hand über eine Kerze halten)


Intravenöse, subkutane oder intramuskuläre Injektion von verschiedenen Mitteln (z.B. Lauge, Säure oder Spülmittel) in Venen oder anderen Körperteile


Äußerliche Verätzung des Körpers mit Chemikalien (z.B. Salzsäure, Schwefelsäure u.a.)



Es ist umstritten, ob bei der Verletzung des eigenen Körpers Endorphine (Glückshormone) ausgeschüttet werden, die den Schmerz lindern, wie es bei körperlicher Anstrengung oder auch einer Geburt der Fall ist. Diese werden in Verbindung mit Adrenalin ausgeschüttet, da der Körper durch die Selbstverletzungen in eine starke Form des Stresses versetzt wird.


Es steht fest, dass eine Gewöhnung stattfindet, die extremere Selbstverletzungen nach sich zieht (tiefere Schnitte, großflächigere Verbrennung), um das "Glücksgefühl" zu verspüren.


Nicht immer allerdings werden Endorphine oder Adrenalin ausgeschüttet; bei "Beißern" tritt nicht die Form des Stresses auf, sondern genau das Gegenteil: Der Betroffene steht unter Druck. Besonders durch das Beißen im Mundinneren wird Stress, enormer Druck, abgebaut. Wie bei anderen Verletzungen auch werden die Wunden immer größer bzw. tiefer, um den (wiederum durch das Beißen provozierten und gesteigerten) Druck abbauen zu können. Überdies ist therapeutisch nicht eindeutig erwiesen, ob es sich bei autoaggressivem Verhalten um eine Art „Selbstbelohnungs- oder Selbstbestrafungstrieb” handelt.


Bei einer Multiple-Choice-Studie auf einer Homepage, die sich mit dem Thema befasst, wurde festgestellt, dass sich viele Menschen mit Selbstverletzendem Verhalten nicht auf eine Art der Selbstverletzung beschränken sondern auch diverse Methoden kombinieren:


Schneiden (Ritzen) wurde mit einer Häufigkeit von 72% angegeben, 35% verbrannten sich, 30% schlugen sich selbst, 22% verhinderten die Wundheilung von Verletzungen, 22% kratzten verschiedene Körperpartien mit den Fingernägeln auf, 10% gaben an, sich die Haare auszureißen und 8% brachen sich vorsätzlich Knochen oder verletzten ihre Gelenke.



Häufige Gründe, die Selbstverletzungen vorausgehen sind, dass ...


Die meisten SVV´ler fühlen sich erleichtert wenn sie sich verletzen. Der Druck der auf ihnen lasstet, lässt nach. Fast so als würde man etwas Luft aus einem Ballon lassen der zu platzen droht. Der körperliche Schmerz tut weniger weh als der emotionale Schmerz und ist daher eine willkommene Ablenkung von der furchtbaren Seelenqual die in mancher Seele schlummert und nicht raus kann. Andere SVV´ler sind so empfindungslos, dass sie die starke physische Stimulation brauchen, um überhaupt etwas zu fühlen. Wenn sie sich selber bluten lassen - fühlen sie sich lebendig. Es ist ihnen selbst ein Beweis dafür, dass sie menschliche Wesen sind die leben und atmen. Eine weitere Empfindung bei der Selbstverletzung ist der nach innen gerichtete Zorn. Der Selbsthass. Schnitt- und Brandverletzungen sind möglicherweise die einzige "ungefährliche" Form, die SVV´ler kennen, um ihre Wut oder ihren Hass auszudrücken. Sie können nicht weinen, schreien oder jemand anderen verletzen. Bei Überlebenden von sexuellem Missbrauch kommt es auch häufig vor, dass sie sich schneiden, wenn sie Angst haben oder glauben, sie hätten eine "Bestrafung" verdient weil sie Spaß an freiwilligem Sex haben, über den Missbrauch sprechen, neue Erinnerungen haben, den Täter zur Rede stellen oder einen anderen Durchbruch in ihrer Heilung erzielen.


Selbstverletzung kann eine zwanghafte Gewohnheit sein, der nur schwer Einhalt zu gebieten ist. Es ist aber möglich, das selbstzerrstörerische Muster zu unterbrechen. Die Person muss es jedoch selber wollen und ohne professionelle Hilfe wird es vermutlich kaum zu bewältigen sein. Je enger der/die SVV´lerIn mit ihren Emotionen und ihrem Zorn in Kontakt kommt und lernt, ihre Gefühle auf andere Weise auszudrücken, desto weniger wird er/sie den Drang verspüren, sich zu schneiden oder anderes weh zu tun. Sport. Schreiben. Malen - all diese Dinge können ein Alternativ-Ventil sein.